Gefragt, was ihr bei ihrem Aufenthalt in Berlin am meisten gefehlt hat, hat mir eine junge Amerikanerin neulich schnell und deutlich geantwortet: Die Freundlichkeit der Menschen. Und es ist schon wahr, trotz Trubel und Eile in der Großstadt hört man hier viel öfter ein nettes Wort als in Berlin.
Auf meinem morgendlichen Weg in die Bibliothek fragt mich ein Bauarbeiter „How do you do?“. In dem Lebensmittelgeschäft Trader Joe‘s (seit 1979 in der Hand der Aldi-Nord-Eigentümer Theo Albrecht und Erben) verwickelt mich der Kassierer in längeres Gespräch, während er mir in aller Ruhe die Taschen einpackt. Er will wissen, wo ich herkomme, wie der Tag war, was die Pläne für den Abend sind. Und das alles, obwohl der Laden voll ist und an den über dreißig Kassen wirklich viel Betrieb ist. (Jeht doch!, bin ich geneigt zu sagen, auch wenn ich den schnodderigen Charme meiner Berliner Penny-Kassiererinnen schätze. Habe halt schon mehr als zehn Jahre in Berlin gelebt.)
In der Subway gibt es natürlich immer wieder Menschen, die sich durch laute Unflätigkeiten oder – sorry, liebe Herren – Manspreading mehr Platz erkämpfen als sie eigentlich bräuchten. Aber auch hier habe ich beobachtet, dass Menschen ganz unterschiedlichen Alters Sitzplätze für andere freimachen. So hat ein junges Paar an einem Regentag einem Mädchen, das mit Fahrrad in die Subway kam, nicht nur den Platz geräumt, sondern auf dem längeren Weg auch noch bei der Fahrrad-Logistik unterstützt und eine freundliche Unterhaltung mit ihm und seiner Mutter begonnen.
Ungewohnt ist es auch, durch die Straßen zu spazieren, und von wildfremden Passanten Komplimente zu erhalten. Eine besondere Erfahrung dieser Art war ein Sommertag, an dem ich von mehr als einer Handvoll Menschen angesprochen wurde: „Cute dress!“, „I like your dress“, oder Ähnliches. Als ich dann beim achten Mal endlich eine etwas abwechslungsreichere Antwort als „Thank you!“ anbringen wollte, ging das Kompliment an meine Begleiterin. „These are really cool shoes!“
In diesem Sinne: Hut ab vor meinen amerikanischen Gastgebern; Ihr macht das schon wirklich gut!

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