Thanksgiving endet nicht mit dem Verzehr des Truthahns, sondern wird umgeben von einer ganzen Reihe von besonderen Tagen, die mittlerweile auch schon ihren Einzug in die deutsche Kultur und mehr noch in den deutschen Kommerz gefunden haben. Im Einzelnen sind das der Black Friday (Motto: Einkaufen, was das Zeug hält), Cyber Monday (Elektro-Schrott einkaufen, was das Zeug hält) und Giving-Tuesday (Spenden, was noch übrig ist).
Entsprechend ist meine Mailbox heute voll mit Bitten, für diesen oder jenen Zweck zu spenden. Manche Aufforderung ist verbunden mit der Erläuterung, dass der Betrag durch einen größeren Geldgeber verdoppelt wird; meistens wird auch auf die steuerliche Abzugsfähigkeit hingewiesen. Fundraising wird aber auch über das Jahr hinweg betrieben.
Die ganze Kultur des Spendens, Spendensammelns und der Großzügigkeit hier in den USA scheint sich mir schon deutlich von der deutschen sozialen Marktwirtschaft zu unterscheiden. So sehr, dass ich mich zwischendurch schon gefragt habe, ob mein VWL-Grundstudium mit seiner Ausrichtung auf die großen amerikanischen Ökonomen überhaupt eine relevante Aussage zum Wirtschaftsalltag in Europa machen konnte. Geschenkt, ist eh’ zu lange her.
Stattdessen teile ich mit Euch ein paar meiner Beobachtungen, die – wie alles hier – natürlich nur subjektive Eindrücke sind.
Über das allgemein hohe Preisniveau für Lebensmittel, Mieten, Kulturevents und zum Beispiel auch Bildung habe ich schon mehr als einmal leise oder laut gestöhnt. Dabei ist mir klar, dass die Lebenshaltungskosten in New York für Leute mit unsicherem Job, Alleinerziehende oder junge Menschen mit Schulden aus dem Studium natürlich eine ganz andere Herausforderung darstellen als für mich. Eine kurzfristige Kündigung der Wohnung oder hohe Arztrechnungen können da schnell existenzbedrohend werden.
Ein Stück weit wird das gesamtgesellschaftlich ausbalanciert durch eine große Kultur des Spendens und der Philanthropie: Es gibt ein tolles kostenloses Bibliotheksangebot, Gratis-Eintritte in öffentliche Museen für Bewohner New Yorks, eintrittsfreies Sommerkino, erstklassige pay-what-you-wish Konzerte, kostenlose Apps mit digitalem Zugang zu zahlreichen Museen. Und auch im Alltag erlebe ich immer wieder Großzügigkeit.
Auf der Seite der großen Sponsoren läuft das Spenden häufig unter dem Motto „Tu Gutes und rede darüber! – jeder einzelne Konzertsaal in dem Lincoln Center ist nach irgendeinem Spender benannt; den Sponsoren von Gratis-Events wird sehr offen sichtbar gehuldigt.
Und für die Nutzer der kulturellen Angebote wird der Gratis-Eintritt übrigens gleich wieder mit der Bitte um einen freiwilligen finanziellen Beitrag verbunden.
Ein großer Kreislauf des Gebens und Nehmens.

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