An der musikalischen „Frontier“

Zum Vorabend des ersten Advents haben wir uns ein weiteres Konzert im Lincoln Center gegönnt. Obwohl die Künstler isländisch, britisch und indonesisch (und ansonsten amerikanisch) waren, war es für mich ein amerikanisches Erlebnis per excellence: Habe ich mich doch in dem Leistungskurs Englisch und im Amerikanistik-Studium oft genug mit dem Konzept der „American Frontier“ und beschäftigen dürfen. 

Eine Bewertung des Expansionsdrangs der frühen Einwanderer in Amerika möchte ich an dieser Stelle jetzt gar nicht vornehmen; mir geht es eher um die Freiheit, den Mut Neues zu wagen, alte Grenzen aufzuheben. Was könnte für eine Liebhaberin Alter Musik hierfür geeigneter sein, als ein Konzert von Osmium (nach Programmankündigung „surprising and hypnotic music that strikes a balance between the mechanical and the organic“) und Robin Fox, der mit seinem audio-visuellen Werk „Triptych“ den Prix Ars Electronica gewonnen hat.

Und so saßen wir gespannt, mit offenen Augen und Ohren im großen, relativ gut gefüllten Konzert-Saal der Juilliard School. Bei aller Offenheit für Neues, muss ich aber sagen, dass ich weiterhin einen Monteverdi oder Gesualdo da Venosa den Geräuschen dieses Konzertabends vorziehe. „Triptych“ von Robin Fox war rhythmisch teilweise interessant. Wenn man sich angestrengt hat, konnte man auch Elemente von Harmonien erkennen. Der Gesamteindruck glich aber eher einer Mischung aus MRT-Röhre, einer viel zu lauten Zahnarztpraxis, einer Fabrikhalle und einem Presslufthammer. Visuell untermalt wurden die Geräusche durch eine durchaus beeindruckende Lasershow, bei der passend zur Musik Strahlen oder bunte Flächen die Dunkelheit durchteilt haben.

Die Gruppe Osmium nach der Pause hat zumindest für die Augen etwas mehr Erholung geboten. Auch unerwartete Klänge, insbesondere von dem Vokalisten, gab es. Ansonsten blieb das Konzert vor allem wegen seiner Lautstärke eine Zumutung für die Ohren, Unsere Strategien des Gegenhaltens waren improvisierte Ohrstöpsel, Ohren zuhalten, Dagegensingen (keiner hat‘s gemerkt) oder Meditation über die Einkaufsliste. Rund ein Drittel des Publikums hat sich während der Aufführung verabschiedet. Von denen, die wie wir geblieben sind, waren ein paar ehrlich begeistert; der Beifall des übrigen Publikums war – wie sagt man? – „endenwollend“.

Bleibt nur noch zu sagen: Den ersten Advent haben wir überwiegend zu Hause in Ruhe und bei gedämpften Licht verbracht. Selbst der Gesang in der Kirche war viel zu laut. Dafür habe ich dort immerhin noch einen Adventskranz gefunden.

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