Holiday Show in Harlem

Nach gut drei Monaten New York bin ich wahrscheinlich in der klassischen Phase der Ernüchterung, die mit Auslandsaufenthalten nun einmal einher geht. Nichts ist mehr richtig neu, die Freunde zu Hause fehlen, die gewohnten Annehmlichkeiten auch. 

So hatte es Harlem nicht gerade leicht bei meinem dritten und erstmals gezielten Ausflug in diesen Stadtteil, der sich im nördlichen Teil von Manhattan, oberhalb des Central Parks, befindet. Der Weg von unserer Wohnung in Brooklyn nach Harlem ist nicht gerade kurz, und so blieb nicht mehr viel Tageslicht, um die Gegend und die Häuser anzuschauen. Dafür noch reichlich Zeit bis zu der Show am Abend, für die wir Karten im Appollo-Theater hatten. 

Wir begannen unsere Tour in „Striver‘s Row“, einem Ort, der auch Schauplatz in Colson Whiteheads Romanen „Harlem Shuffle“ und „Crook Manifesto“ ist. Der Straßenzug (genauer sind es zwei Straßen, 138th St und 139th St), der übersetzt „Streberzeile“ heißt, wurden im späten 19. Jahrhundert erbaut und gilt als Schmuckstück und herausragendes Beispiel New Yorker Stadtarchitektur. Die Townhäuser wurden zunächst für die reichere weiße Mittelschicht gebaut und waren seinerzeit modern ausgestattet. Komfortabel war auch, dass die Zeile durch ein Gitter geschützte gemeinsame Hinterhöfe hat – damals wie heute ein Abstellplatz für Kutschen, obwohl man bestimmt noch Schöneres daraus machen könnte.

Unser weiterer Spaziergang durch das dunkle Harlem war nicht weiter aufregend. Man kann durch Straßen mit Brownstones, zwischen sogenannten „Projects“, also Sozialbauten, laufen oder am nördlichen Ende des Central Parks das dort liegende Harlem Meer (einen See) anschauen. Besonders dort sieht man obdachlose Menschen; aber unsicher fühlen muss man sich in Harlem schon länger nicht mehr.

Höhepunkt des Abends war dann die Holiday Show mit Broadway-Star Shoshana Bean und ihren als „Superpowers“ bezeichneten Freunden im ebenfalls berühmten Appollo-Theater (in den 90er und 00ern bekannt durch „Showtime at the Apollo“). Im ausverkauften Haus hörten begeisterte Fans amerikanische Weihnachts- und Chanukah-Lieder und konnten nebenbei Kleiderkreationen bestaunen. Bean wechselte gleich fünfmal die Kleider, und jedesmal gab es neue Probleme mit der Technik, die sie aber souverän in running gags umwandelte. 

Wer die Mischung aus Schmalz und Kitsch vom Feinsten, gutem, aber viel zu lautem Gesang und Bands mag, kommt hier definitiv auf seine Kosten. Ich habe mich an dem Abend ziemlich europäisch gefühlt. Phase der Ernüchterung eben.

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