Heute geht es gleich in mehr als einem Sinne zurück in die Vergangenheit. In die nahe Vergangenheit, weil ich von einer Tanzvorstellung am Ende des Jahres 2023 berichten will. Aber auch ins letzte Jahrhundert, weil der Veranstaltungsort und die Stücke eher in der zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts beheimatet sind. Aber vielleicht sind das auch Vorurteile.
Auf jeden Fall waren wir zwischen den Jahren mit der ganzen Familie in dem New York City Center und haben dort eine Aufführung des Alvin Ailey American Dance Theater (AAADT) gesehen.
Alvin Ailey (1931-1989) war ein afroamerikanischer Tänzer und Choreograph, der 1958 seine eigene Tanzgruppe gründete, auch um in der noch herrschenden Segregation afroamerikanischen Tänzerinnen und Tänzern ein Zuhause zu geben und die afroamerikanische Kultur zu stärken. 1960 führte er mit seinem Ensemble erstmals sein berühmtestes und auch erfolgreichstes Stück „Revelations“ auf.
Die Vorstellung, die wir gesehen haben, eine Rückschau und ein Best-of aus Alvin’s Choreographien aus den 60er und 70er Jahren, enthielt auch einige Tänze aus „Revelations“. Mit Spirituals und Gospels unterlegt, verarbeitet dieses Stück Erfahrungen der Afroamerikaner in den Südstaaten. Die Auszüge in der Retrospektive waren immer noch ein Highlight und wurden auch von dem Publikum goutiert.
Die Lebensgeschichte von Ailey ist spannend und wechselvoll. Er arbeitete zu Zeiten der Kennedy-Präsidentschaft mit dem US State Department zusammen und tourte durch Australien und Asien, haderte aber damit, dass er in die Ethno-Ecke geschoben wurde. Auch seine Homosexualität wurde von offiziellen Stellen mit Argwohn begleitet. Künstlerisch wichtiger als seine Zusammenarbeit mit dem State Department waren für Alvin die Zusammenarbeit mit Duke Ellington, dessen Musik auch in der Matinee gespielt wurde (vom Band; Instrumente waren nur auf der Bühne bei einem Stück, in dem die Tänzer eine Band gespielt haben). Das musikalische Repertoire reichte aber auch in andere Genres ein, u.a. tanzte Aileys Theater zu Pink Floyd.
Zu dem Retro-Programm in unserer Matinee passte das New York City Center als Aufführungsort gut: Das AAADT zog 1972 dort ein, nachdem es kurze Zeit in der Brooklyn Akademy of Music beheimatet war. Das New York City Center, das in der Nähe der Carnegie Hall liegt, wurde 1943 als erstes Zentrum für die Darstellenden Künste gegründet und sollte Kunst für alle zugänglich machen. Neben dem Lincoln Center ist es jetzt vielleicht ein wenig in die zweite Reihe gerückt, aber das Gebäude, das zwischen den umgebenden Skyskrapern trotz auffälliger Fassade fast versteckt ist, ist auf jeden Fall einen Blick wert.


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