Die Leipziger Buchmesse ist gerade vorbei, in diesem Blog gab es schon länger keinen Literaturtipp mehr, und das Wetter bietet noch hinreichend Gründe, sich mit einer Tasse Tee und einem Buch in eine gemütliche Ecke zu setzen und zu schmökern.
Bei dem Buch, dass ich zuletzt gelesen habe und Euch heute vorstellen will, trifft nichts von dem genannten so richtig zu. Aufmerksam geworden bin ich auf Stacey Lee’s „The Downstairs Girl“ nicht, weil es irgendeinen Preis erhalten hätte; gelesen habe ich es leider auch auf meinem Smartphone und zu größeren Teilen in der Subway. Der Roman in der Kategorie „young adult novels“ ist mir nämlich von der New York Public Library angeboten worden – auch wenn ich dort zwar manchmal sitze, aber kein Mitgliedsausweise besitze. Hintergrund für diese Ausleihpraxis ist, dass es sich um ein „banned book“ handelt. Doch zunächst erst einmal ein paar Worte zu dem Buch (das es, möglicherweise wegen der Kontroverse doch in die breite Liste der New York Times Bestseller geschafft hat).
Das 2019 veröffentlichte Buch spielt im Atlanta in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte der 17-jährigen Jo Kuan. Gemeinsam mit ihrem Zieh-Großvater, einem chinesischen Stallburschen, lebt sie heimlich verborgen in vergessenen Kellerräumen unter der Druckerei einer Zeitung. Tagsüber erlebt sie als Chinesin immer wieder Rassendiskriminierung. So verliert sie ihre Arbeit als Angestellte einer Hutmacherin, weil sie zu viel von ihren eigenen Ansichten preisgibt; als Hausmädchen einer verwöhnten Südstaaten-Schönheit bekommt sie wie die schwarzen Dienstmädchen regelmäßig zu spüren, dass sie ein Mensch zweiter Klasse ist. Aus diesen Zwängen versucht sie sich des Nachts zu befreien, indem sie für die Zeitung unter dem Pseudonym „Miss Sweetie“ als Kummerkastentante schreibt und sich für Frauenrechte, moderne Verkehrsmittel wie Fahrräder oder gegen die Segregation ausspricht.
Gewürzt mit einer vorsichtig erzählten Liebesgeschichte, ein paar Szenen aus der Halbwelt und einem Geheimnis um Jos Herkunft wird das alles ein „good read“ – und inhaltlich allemal eine Ergänzung zu dem älteren Bestseller „Gone with the Wind“, der auch in Atlanta spielt und ein auch nicht mehr ganz zeitgemäßes Verständnis von Black Americans darstellt. (Gerechterweise muss gesagt werden, dass es auch hier Diskussionen über eine Zensur von Buch und/oder Film gibt.)
Worum es aber eigentlich geht, sind die Fragen, wer, warum und wann Bücher verbietet und wie weit Zensur reichen darf. Dazu habe ich dann auch gleich ein kluges Buch, eher ein langes Essay, gefunden. James LaRue beschreibt in „On Censorship – A Public Librarian Examines Cancel Culture in the US“ die Versuche von Einzelpersonen oder der politischen und religiösen Rechten, Bücher aus Schulen und Büchereien zu verbannen, und so gegen Minderheiten und Meinungsfreiheit arbeiten. Ein wichtiges Plädoyer für das Lesen, öffentliche Bibliotheken und eine Freiheit, die auch die Andersdenkenden respektiert.

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