Nochmal: Meinungsfreiheit

Nochmal: Meinungsfreiheit

Das Thema hat mich noch nicht ganz losgelassen: Zensur, verbotene Bücher, freie Meinungsäußerung. Und auch das erwähnte Buch „On Censorship“ des Bibliotheksdirektors und ehemaligen Director of the American Library Association’s Office for Intellectual Freedom, James LaRue, verdient mehr als eine kursorische Nennung, beschreibt er doch ein paar der brennendsten Themen der USA und den weltanschaulichen Riss, der durch diese Nation (und nicht nur diese) geht.

Ausgehend von den zahlreichen Erlebnissen als Direktor in einem Staat im mittleren Westen kommt er schlüssig auf die großen Themen zu sprechen und gibt dem Leser nebenbei einige Argumentationshilfen mit. 

Konkrete Fälle, die er beschreibt sind Beschwerden gegen zu grausame Märchen wie Rotkäppchen oder Kinderbücher, in denen ein männlicher Hamster seine Familie verlässt, um einen anderen Hamstermann zu heiraten. Als Jugendbücher werden auch Klassiker wie die Tagebücher der Anne Frank (erzeugt unangenehme Gefühle) oder Harry Potter (enthält Zauberei) als geeignete Lektüre in Frage gestellt.

Immer wieder sind es besorgte Eltern, die ihr Kinder vor bestimmten Inhalten schützen wollen; seien es Darstellungen von Gewalt, zu viel Sex, LGBTQ+-Themen, Rassismus. Dahinter können berechtigte Anliegen stecken (aus historischen Gründen ist der Bestand der Bibliotheken verzerrt, häufig zugunsten der Weißen Mehrheitsbevölkerung; ein konkretes Buch enthält als einzigen negativen Charakter einen Angehörigen einer bestimmten Gruppe oder nennt das N-Wort). Häufig steckt aber dahinter auch der Wunsch, in der Bibliothek nur die eigenen Vorlieben wiederzufinden, während sie ja die Meinungsvielfalt wiedergeben und zur Diskussion anregen sollte. Gerade zu Themen, die Jugendliche bewegen, ist Aufklärung und Diskussion wichtig. „We can‘t childproof the world. We have to worldproof the child.“ 

Schwieriger wird es, wenn ganze Gruppen wie die „Moms for Liberty“ in Florida gegen Bibliotheken und Schulen aktiv werden und mit politischen Aktivitäten oder sogar Gewalt gegenüber den öffentlichen Stellen drohen. Auch die Republikaner und ihre medialen Bündnispartner oder konservative Kirchengruppen sind auf diese Weise aufgefallen.

(Randbemerkung: Neulich war ein Artikel in der NYTimes, der die Doppelmoral der evangelikalen Frauen herausgestellt hat: selber in kurzem Minirock für Pin-Up Kalender posieren und gleichzeitig vor zu viel Sex in Büchern warnen…)

Auch um die größten Gefahren für die Meinungsfreiheit macht LaRue keinen Bogen: Trump und seine von ihm aufgestachelten, um nicht zu sagen „gleichgeschalteten“ Eiferer; Medienkonzerne, die bestenfalls mit Blick auf den eigenen Profit handeln, aber jedenfalls in kritischem Ausmaß Einfluss auf die öffentliche Meinung und den Umgang mit Minderheiten haben.

Zum Glück endet das Buch mit ein paar Hinweisen, wie sich der und die Einzelne engagieren kann: Lesen, die freie Presse und freie Bibliotheken unterstützen, ins Gespräch kommen, Engagement zeigen. 

Mit dem Thema fertig bin ich/sind wir aber noch lange nicht.

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Eine Berlinerin berichtet aus Brooklyn