Weite Wege (& Literaturtipp)

Weite Wege (& Literaturtipp)

Dem Alltag entkommen und einfach da sein, wo man ist, ist gar nicht so leicht – und möglicherweise noch nicht einmal so erstrebenswert. Denn wenn der Kopf (teilweise) noch woanders ist als die Beine, verpasst man zwar vielleicht etwas von der Gegenwart; andererseits bereichern Gedankenreisen an andere Orte und in andere Zeiten das Erlebte. Reisen, egal ob real, über Bücher oder Filme, schärft schließlich den Blick für das, was gerade um uns herum stattfindet, sei es durch Gegensätze oder unerwartete Übereinstimmungen.

So fahre ich also mit dem Fahrrad durch die liebliche bayerische Landschaft und bin gleichzeitig auf dem Weg aus einer Baumwollplantage in den Südstaaten der USA, Richtung Norden, der die große Freiheit verspricht.

Colson Whitehead hat in seinem Pulitzer-Preis-gekrönten Roman The Underground Railroad die „Reise“, genauer, die Flucht der jungen Sklavin Cora beschrieben. Auch in seiner Erzählung mischen sich Tatsachen und Imagination auf kunstvolle Weise: Die Ausbeutung und Gewalt gegenüber den afroamerikanischen Sklaven sind historische Fakten, ebenso wie das System von Fluchthelfern und -Helferinnen, die im verborgenen und unter großer Gefahr für das eigene Leben Entflohene in die toleranteren Nordstaaten transportierten. Allerdings hat erst Whitehead die Metapher „Underground Railroad“ wörtlich genommen. In seinem Roman werden Cora und ihre Gefährten in unterirdischen Bahnen von einer Station zur nächsten befördert. 

In jedem Staat, an dem sie Halt machen (Georgia, South Carolina, North Carolina, Tennessee, Indiana) erleben sie ein eigenes System der Unterdrückung der Schwarzen. Mal sind es Bildungs- und Gesundheitsprogramme, hinter denen sich medizinische Experimente verbergen. Mal sind es wöchentliche Hinrichtungen, die zur Unterhaltung der weißen Stadtbewohner auf der idyllischen Gemeindewiese inszeniert werden, mal brutale Massaker in einer von Schwarzen aufgebauten Kommune. (Und in Bayern haben die Vögel auch gezwitschert und die Blumen auch geblüht, als in Dachau Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer Überzeugungen umgebracht wurden.)

In die „Reise“ von Cora eingeflochten sind auch immer wieder kurze Episoden über ihre Vorfahren, ihre Widersacher oder diejenigen, die mit ihr versuchen die Freiheit zu erlangen. Auch die Frage, was Freiheit eigentlich bedeutet, durchzieht den sehr lesenswerten Roman und hallt nach, während ich in die Pedale trete.

Wie viel schön doch die Erde sein kann! Und wie schrecklich doch Menschen mit Menschen umgehen können!

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