Heute wie vor hundert, zweihundert oder tausend Jahren verlassen Menschen ihr Land, ihre Arbeit und ihr soziales Umfeld, um an einem anderen Ort auf dieser Welt ihre Bleibe und vielleicht auch eine neue Heimat zu finden. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 war es eine größere Zahl von Deutschen, die aus politischen und möglicherweise aus wirtschaftlichen Gründen (so leicht lässt sich das nicht immer trennen) ihren (Klein-)Staat verlassen haben, um auf der anderen Seite des Atlantiks ihr Glück zu machen. Vielen von denen, die sich mit oder ohne Familie auf den Weg gemacht haben, endeten im East Village in New York. So viele, dass 1870 New York die drittgrößte deutsche Stadt nach Berlin und Wien war.
Von einigen der Revolutionäre und Auswanderer haben wir am Samstag bei einer sehr interessanten, nicht-kommerziellen Stadtführung gehört, die von einem Deutschen(?), Amerikaner(?), naja, auf jeden Fall Weltbürger und New Yorker angeboten wurde (deutsche Eltern, aufgewachsen in Tokio, Studium in Freiburg, jetzt USA etc,). Gemeinsam mit seiner amerikanischen Frau hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der Deutschen und der „1848er“ zu erforschen und anderen Menschen nahe zu bringen.
Die Tour startete bei der ersten öffentlichen Bibliothek in New York, der 1884 eröffneten Ottendorfer Library (heute eine Filiale der New York Public Library). Das rote Backsteingebäude mit Rundbögen wurde vom deutschen Architekten William Schickel entworfen und vom Verleger der deutschsprachigen „New-Yorker Staatszeitung“ Oswald Ottendorfer finanziert. Das damalige Krankenhaus gleich nebenan war ein philanthropisches Projekt seiner Frau und Mit-Verlegerin Anna Ottendorfer.
Weitere Stationen der Tour waren das vom deutschen Architekten Fred A. Petersen erbaute Cooper Union Foundation Building, das mit seiner Stahlkonstruktion wegbereitend für die Hochhaus-Architektur war; die Astor Library, die im Auftrag des deutschen Pelz- und später Opiumhandler John Jacob Astor – in diesem Falle allerdings für den zahlungskräftigen Teil der Gesellschaft – gebaut wurde und heute das Public Theater beherbergt. (Hier wurden u.a. die Kultmusicals Hair und Hamilton aufgeführt).
Vorbei an Musikverlag von C. Fischer, einer deutschen Schützengesellschaft, einem Haus von Franz Sigel, der seinen revolutionären Geist und seine militärischen Fähigkeiten in den Dienst der Unionisten im amerikanischen Bürgerkrieg stellte, ging es zu der früheren deutschen protestantischen Kirche, wo wir eines der größten Unglücke der New Yorker Geschichte gedachten: Am 15. Juni 1904 geriet das Schiff General Slocum, das vor allem Mitglieder der Kirchengemeinde auf dem Weg zu einem Picknick an Bord hatte, in Brand. Rund 1200 Menschen starben – und viele der deutschstämmigen Einwohner zogen wieder aus New York weiter.
Wir beendeten die Führung und den Tag fröhlicher, klüger und um eine nette internationale Begegnung reicher.


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