Heute gibt es nicht nur einen, sondern gleich vier Romane zum Preis von einem! “Trust” von Hernan Diaz, der für dieses Werk 2023 den Pulitzer Preis gewonnen hat, erzählt gleich viermal die gleiche Geschichte rund um ein New Yorker “Finanzgenie” zur Zeit der goldenen Zwanziger des letzten Jahrhunderts und des darauf folgenden Börsencrash. Zudem geht es um seine Frau, ihr philanthropisches Engagement und ihre Krankheit, die sie nach ärztlicher Behandlung in einem Schweizer Sanatorium in den Tod führt.
Soweit der gemeinsame Kern der vier Erzählungen, die in entscheidenden Details und stilistisch aber voneinander abweichen. Die erste Fassung ist ein Roman mit den Hauptfiguren Benjamin Rask, dem verschlossenen, aber erfolgreichen Geschäftsmann, und seiner begabten, aber etwas exzentrischen Frau Helen. Die arrangierte Ehe ist nicht unglücklich, aber auch nicht glücklich, bis sie durch eine psychische Erkrankung Helens und eine falsche Behandlung ein furchtbares Ende findet.
Die zweite Variation der Geschichte, eine Art Gegendarstellung, ist aus der Sicht des Magnaten geschrieben, der diesmal – “tatsächlich” – Andrew Bevel heißt. Die Autobiographie “My life” malt ein freundliches, wenn auch unvollständiges Bild des Bankiers und seiner Frau Mildred. Durchbrochen von ein paar nur skizzierten Ausführungen (Stichworte zu seinen frühen Jahren; Bearbeitungshinweise wie “fabulous success of 1926. Unparalleled triumphs. Historical.”) präsentiert sich Bevel als durch Intelligenz und Tatkraft zu enormen Erfolg gekommener Mensch, der immer auch das Wohl der Allgemeinheit, auf jeden Fall aber das seiner schwächlichen, durch ihre Krebserkrankung gezeichneten Frau im Blick hat.
Doch auch dieser Geschichte ist nur eingeschränkt zu trauen, zeigt sich doch aus der Perspektive der Sekretärin und Assistentin Ida Partenza, die Bever zum Verfassen seiner Memoiren angeheuert hat, dass er sehr interessiert daran ist, den öffentlichen Eindruck von seiner Person positiv zu beeinflussen. Doch ist ihr, der Tochter eines eingewanderten italienischen Anarchisten zu trauen?
Die vierte und letzte Volte dieses Werkes über Männer, Macht und mehr überlasse Eurer eigenen Lektüre. Es lohnt sich, so weit könnt Ihr mir vertrauen. Und solltet Ihr das Buch in der deutschen Übersetzung lesen, dann habt ihr eventuell noch eine weitere Ebene, hinter der sich die wahre Geschichte verbirgt. Den Titel „Trust“ mit „Treue“ zu übersetzen, finde ich zumindest überraschend. Aber was ist Wahrheit?

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