Wenn meine Reiseberichterstattung etwas holprig und löchrig geworden ist, dann liegt das daran, dass wir das große Amtrak-Entschleunigungs-Paket gebucht haben. 46 Stunden Zugfahrt von Chicago (Illinois), nach Seattle (Washington), über 3000 Kilometer und das nicht nur relativ langsam, sondern (für mich unerwartet) auch völlig ohne Internet. Das mag beruhigend sein, aber das regelmäßige Schreiben macht es etwas schwierig.
Los ging es für uns in der Union Station von Chicago; wie die meisten Bahnhöfe in größeren Städten ein sehr pompöser Bau, der einem gleich vor Augen hält, dass die Eisenbahn ein wichtiges Mittel zur Erschließung des nordamerikanischen Kontinents war. Auch der Zug aus dem klassischen Edelstahl war massiv und zwei echte Stockwerke hoch – und schon ein bisschen in die Jahre gekommen.
Da wir jeweils mittags abgefahren und angekommen sind und zwei Nächte lang durchgefahren sind, haben wir uns den Luxus einer „Roomette“, einer Zweier-Kabine gegönnt: Tagsüber zwei Sitzplätze, nachts zwei übereinander liegende Liegen, die aber immerhin eine ganz vernünftige Breite hatten. Damit man aber in den 2,5 Quadratmetern nicht völlig dem Hüttenkoller verfällt, gab es Auslauf zu einem Panorama Car und zu dem Speisewagen, in dem morgens, mittags und abends ein recht ordentliches Essen serviert wurde. Außerdem wurde man bei diesen Gelegenheiten immer mit irgendwelchen Mitreisenden zusammengesetzt, von denen wir z.B. über Bergbau in Australien, Fracking in den USA und Sightseeing in Seattle gelernt haben.
Und draußen vor dem Fenster? Am ersten Nachmittag, als wir noch gespannt auf Interessantes gewartet haben, sind wir erst einmal in der Nähe des Lake Michigan nach Norden, durch relativ dicht besiedelte Gegenden gefahren; kleinere und größere Orte, die sich aber nicht durch besondere Schönheit ausgezeichnet haben; ein paar Büsche und Erhebungen und einen schnellen Sonnenuntergang haben wir wohlwollend zur Kenntnis genommen. Am zweiten Tag wurde das Sitzfleisch wirklich getestet. Gefühlte zwölf Stunden sind wir durch ein einziges riesiges, flaches, winterlich grau-braunes Feld gefahren. Wenn in Wisconsin oder Montana einmal fünf Kühe, ein paar Silos oder später auch einmal eine Fracking-Anlage zu sehen war, dann war das schon ein Hochgefühl.
Mein innerer Monolog an diesem Teil der Bahnreise kreiste um „ach, Europa!“, „so lerne ich mal etwas über die Größe der USA“, „nie mehr wieder diese Strecke“ – und zum Glück hatte ich auch noch etwas gedruckten Lesestoff dabei. Doch am Abend tauchten dann am Horizont weiß bedeckte Berge auf, denen wir immer näher kamen. Die ersten Schneefelder haben wir immerhin noch bei Tageslicht erreicht, danach wurde es immer kurviger und leider auch so dunkel, dass wir möglicherweise den schönsten Abschnitt der Strecke verpasst haben.


Doch auch am nächsten Morgen blieb es spannend; wir sind bei Mondaufgang am Columbia-River entlanggefahren, zwischen verschneiten Bergen durch den Wald gefahren, haben blühende Apfelbäume am Weg gesehen und sind schließlich am Wasser entlang nach Seattle eingefahren.
Immerhin, das Beste kam am Schluss.

Hinterlasse einen Kommentar