Sommerstart, Saisonende

Sommerstart, Saisonende

New York kann einen ja schon immer wieder überraschen. Gestern wollte ich mich angesichts des sommerlichen Wetters (wir scheinen die Südstaatensonne mitgenommen zu haben; die vier, fünf Grad Celsius, die wir hier unter den Temperaturen von New Orleans liegen, machen es nur angenehmer) in einen meiner Gärten setzen, den Bryant Park. Und dort ist seit dem Memorial Day die Sommersaison in vollem Gange. Für den gestrigen Abend hieß das „Musical Chairs“ (früher nannte man das in Deutschland politisch unkorrekt „Die Reise nach Jerusalem“). Ist schon lustig, wenn 450 Menschen hochorganisiert mit Online-Tickets, Dutzenden von Ordnern und Megaphon-Ansage Kinderspiele spielen (Mindestalter war übrigens 16 Jahre). Aber irgendwie auch sympathisch! 

Ich habe mir das Schauspiel ein paar Runden angeschaut, den heiligen Ernst der Mitspielenden bewundert und bin dann meiner Wege gezogen, die mich mal wieder, wohl zum letzten Mal in der Saison, in die Oper geführt haben. Mit meinen Mitgängern hatte ich verabredet, dass wir uns am Brunnen auf dem großen Platz in der Mitte des Lincoln Center treffen. Allein, der Brunnen war weg. Stattdessen schwebt eine riesige Disco-Kugel über dem Platz, in Vorbereitung auf die Sommerparties, die hier demnächst stattfinden. Auch ansonsten lässt sich festhalten: Im Sommer spielt die Musik draußen auf Plätzen und in den Parks. Auch das New York Philharmonic lädt demnächst zu Open-Air-Konzerten im Central Park und im Prospect Park ein.

Doch weg von der Zukunftsmusik, habe ich doch noch zwei schon erlebte Opern zu präsentieren. Die MET-Aufführung von „Orpheus und Eurydice“ von Christoph Willibald Gluck war stimmlich und musikalisch sehr gut; vor allem der Countertenor Anthony Roth Constanzo hat überzeugt. Das Bühnenbild war ästhetisch reduziert und überwiegend in schwarz-und weiß Tönen gehalten. Die insgesamt eher statische Anordnung (der Chor saß die ganze Zeit in drei übereinander gestapelten Rängen auf zwei beweglichen Bühnenelementen) wurde durchbrochen durch Tänzer – und durch einen kecken Amor, der auf der Trapezschaukel durch die Lüfte schwebte und mit affektierten Bewegungen und Herzchen-Gesten eher der Tik-Tok-Welt entsprungen zu sein schien. Eine schöne Aufführung, auch wenn ich zwischenzeitlich den Gedanken nicht ganz unterdrücken konnte: Braucht man wirklich so viel Musik, um so wenig Inhalt darzustellen? Aber das lag bestimmt nur am lauen Sommerabend.

Möglicherweise auch daran, dass wir am Sonntag „From Hell to Antigone“ gesehen und gehört haben, eine Art Listeners‘ Digest der Händel Oper „Admeto“. Die Musiker:innen, fünf Sänger:innen und fünf Instrumentalist:innen haben die Handlung, auch ein Hin- und Her um Liebe, Hölle und Rettung aus derselben ging, kurz und knackig mit ein paar Arien zusammengefasst. „Opera Essentia“ will mit kurzen Gratis-Aufführungen in Gärten, Parks oder Kirchen gezielt Menschen ansprechen, die sonst nicht in die Oper gehen. Und mich haben sie sogar zu ein paar Tränchen gerührt.

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Eine Berlinerin berichtet aus Brooklyn