Zumindest einigen unserer New-York-Besuchern, wahrscheinlich aber auch Euch Lesern habe ich schon von einem der schönsten Plätze berichtet, um East River, mehreren Brücken und Manhattan-Skyline zu betrachten – die alte Domino Sugar Fabrik. Im Winter, wenn die Sonne kleinere Halbkreise macht als im Juni ist dort der perfekte Spot für Sonnenuntergänge; in der warmen Jahreszeit kann man sich auf die Holzterrasse legen und Sonnenbaden oder im Domino-Park flanieren. Doch was ist hinter der Fassade des alten Gebäudes? Und vor allem was war früher hier?
Heutzutage ist das Fabrikgebäude einschließlich der dekorativen Neonreklame tatsächlich nur noch eine denkmalgeschützte Hülle. In ihr ist ein kompletter Glaskubus mit aufgesetztem und weithin sichtbaren gläsernen Tonnendach entstanden, der 2024 eröffnet werden soll. Ein attraktiver Standort für Dienstleistungsunternehmen, die sich an der Waterfront einmieten können!
Aber es ist noch gar nicht so lange her, das es hier noch ganz anders aussah: Industrietristesse vom feinsten, nachdem 2004 die Raffinerie endgültig den Betrieb einstellte und die letzten gut 200 in New York verbliebenen Domino-Arbeiter einpacken durften. Die Bowery Boys, denen ich viele Informationen für diesen Artikel verdanke, haben auf ihrer Website nicht nur einen Podcast zu der Geschichte der Domino Sugar Fabrik, sondern auch zahlreiche Fotos, wie die Bebauung an der Stelle noch 2010 aussah. Oder sogar 1876, kurz bevor das Vorgängergebäude einem Brand zum Opfer fiel.
Doch jetzt doch einmal in der richtigen chronologischen Reihenfolge: Angefangen hat die Geschichte des Zucker-Imperiums in Brooklyn nämlich mit deutschen Auswanderern, den Brüdern Havemeyer, die in Anfang des 19. Jahrhunderts in Manhattan anfingen, die süße Ware zu produzieren. Ein nicht ganz schmutzfreies Geschäft. War schon der Prozess des Raffinierens ursprünglich eher unappetitlich (mit Ochsenblut und Knochenmehl), so war es später auch das Handelsmodell: New York wurde die Drehscheibe der Welt für Verarbeitung von Zuckerrohr, das durch Sklaven in Mittelamerika angebautes wurde, und verkaufte das Endprodukt in die ganze Welt. Aufgrund des stetig wachsenden Zuckerbedarfs wurde das Geschäft über mehrere Havemeyer-Generationen hinweg auf- und ausgebaut. 1856 Jahre erfolgte ein Umzug nach Williamsburg, ein Teil des damals noch nicht zu New York gehörenden Brooklyn; die Produktion in Williamsburg war günstiger und die Lage am Ufer garantierte gute Erreichbarkeit für die Handelsschiffe. So wuchs die Fabrik weiter; bis 1880 wurden hier drei Viertel des amerikanischen Zuckers hier verfeinert.
Auch das bereits angesprochene Feuer in der Fabrik im Jahr 1882 führte nicht zu einem Niedergang des Familienunternehmens – wohl aber zu weltweit steigenden Zuckerpreisen, während die Produktion verlagert und das neue Gebäude – größer und moderner als alle Konkurrenzfabriken in der Nachbarschaft – errichtet wurde. Auch ein Zuckerkartell, einen Zucker- und Kaffeekrieg (Komplementärprodukt) und die Umbenennung in Domino‘s Sugar 1901 gab es noch. Seinen langsamen Niedergang als Zuckerwelthauptstadt erlebte New York erst, als die Fabrik wesentliche Teile der Produktion nach Baltimore verlagerte.


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